Geschichte

56 Jahre Fastnachtszug in Schwetzingen

Wenn sich am kommenden Fastnachtsdienstag, den 16. Februar 2010, pünktlich um 15 Uhr, der Schwetzinger Fasnachtszug in der Lindenstraße in Bewegung setzt, ist es der 56. Umzug in der Spargelstadt!

 

Es handelt sich aber keineswegs um den 56. Kurpfälzer Fastnachtszug, wie man an sich annehmen sollte, denn dieser Name wurde erst 1955 kreiert, und eigentlich müsste es den Jahren nach sogar schon der 59. Schwetzinger Fastnachtszug sein, wenn nicht... Doch dazu gleich und der Reihe nach.
Ein Blick in das umfangreiche Archiv des derzeitigen Vorsitzenden des Schwetzinger Fastnachtszug-Komitees Werner Pfister und Zugmarschalls Ludwig Karle fördert viele interessante und aufschlussreiche Fakten zu Tage, die unter anderem auch die genannten und zunächst offensichtlich erscheinenden Widersprüche schnell aufklären.

Aus der Geschichte von Umzug und Zugkomitee
Los ging es 1951 mit dem ersten Fastnachtszug in Schwetzingen, der zunächst nur als reiner Kinderumzug gedacht und von der Schwetzinger Carneval-Gesellschaft mit ihrem Präsidenten, dem unvergessenen Philipp Kreuzwieser, als Organisator veranstaltet wurde. Im Anschluss an den Umzug gab es für alle Teilnehmer "Weck und Worscht", gestiftet von den Metzgereien August Ziegler und Horst Czyzewski. Auch für die danach folgenden Fastnachtszüge, an denen dann Jedermann teilnehmen konnte, zeichnete die SCG verantwortlich, ehe es 1955 erstmals Kurpfälzer Fastnachtszug hieß. Dazu wurde dann parallel, nicht zuletzt um die Finanzen von Umzug und SCG getrennt zu halten, das Fastnachtszug-Komitee Schwetzingen als eigenständiger Verein ins Leben gerufen. Die noch heute gültige Vereinssatzung des Fastnachtszug-Komitees stammt vom 3. März 1959 und wurde am 17. April 1959 beim Registergericht eingetragen und hinterlegt.
Mit der Reihe der Kurpfälzer Fastnachtszüge in Schwetzingen ging es nathlos weiter mit von Jahr zu Jahr besserer Qualität und steigenden Zuschauerzahlen, wobei heutzutage 30-50.000 keine Seltenheit sind.
Leider wurde die Umzugsreihe aufgrund höherer Gewalt oder politischer Entscheidungen dreimal zwangsweise unterbrochen - der Zug fiel aus: 1962 (Flutkatastrophe in Hamburg), 1990 (Orkanwarnung) und 1991 (Golfkrieg und Abbruch der Fastnachtscampagne). Daher 2004 auch erst der 50. Umzug.

Der Zugweg
Während der Zugweg des Kurpfälzer Fastnachtszuges seit mehr als 40 Jahren praktisch unverändert steht (Aufstellung Lindenstraße, Kronen-, Hebel-, Schloss-, Karlsruher-, Bismarck-, Friedrich-, Mannheimer-, Lindenstraße Auflösung), gab es bei den ersten Umzügen einige interessante, wenn nicht gar originelle Wegvarianten:

1951 (Kinderumzug): Aufstellung Bismarckstraße, Friedrich-, Mannheimer-, Viktoria-, Kronen-, Hebelstraße, Schlossplatz.

1952 (2. Umzug): Aufstellung Bahnhofsanlage, Carl-Theodor-Straße, Schlossplatz, Karlsruher-, Bismarck-, Mannheimer-, Dreikönig-, Hebel-, Kronen-, Linden-, Viktoriastraße Auflösung.

1953 (3. Umzug): Aufstellung Bahnhofsanlage, Carl-Theodor-, Herzog-, Mühlen-, Werder-, Mannheimer-, Viktoria-, Linden-, Kronen-, Hebel-, Schloss-, Karlsruher-, Bismarck-, Friedrich-, Mannheimer-, Dreikönig-, Schlossstraße, Schlossplatz Auflösung.

Ganz schön verwirrend - nicht wahr?!

Die Vorsitzenden des Fastnachtszug-Komitees
Kurt Andres (1956-1971), Philipp Schuhmacher (1972-1975), Willi Schäfer sen. (1976-1984), Ludwig Karle (1985 bis 2007), Werner Pfister (2008 bis heute)

Die Zugmarschälle (Anführer) des Umzuges

Seppl Czerweck
(1951-1956)
Willi Schäfer sen.
(1957-1970)
Philipp Schuhmacher
(1971-1975)
Ludwig Karle
(1976 bis heute)

Die Geschäftsführer des Fastnachtszug-Komitees
Fritz Beurer (1959-1976), Dieter Fleischhacker (1977-1979), Ludwig Karle (1980-1985), Klaus-Peter Münch (1986-1993), Willi Schäfer jun. (1994 bis 2004), Andreas Linn (2005 bis heute)

Die Finanzverwalter des Fastnachtszug-Komitees
Fritz Beurer (1959-1985), Werner Pfister (1986 bis 2006), Erich Hochhaus (2007 bis heute)

Das Preisrichterkollegium des Kurpfälzer Fastnachtszuges
Viele prominente Namen sind in den bisherigen Preisgerichten des Kurpfälzer Fastnachtszuges zu finden. Preisrichter beim Schwetzinger Umzug zu sein, ist auf den ersten Blick an sich eine reiz- und ehrenvolle Aufgabe, bei näherer Beschäftigung mit der gar nicht so einfachen Materie aber auch eine anstrengende und mitunter sogar undankbare Tätigkeit. Im Folgenden seien aus einer Legion von Preisrichtern stellvertretend einige markante Vertreter genannt, wie sie im Verlauf der Jahre zum Richtergremium hinzustießen und z.T. jahrelang darin tätig waren:
Kurt Waibel (Bürgermeister, Schwetzingen), Dr. Kurt Buchter (Bürgermeister, Hockenheim), Werner Krieger (1. Vors. HCG Hockenheim), Rudolf Löhr (Redakteur, Sandhausen), Hugo Löhr (Ratsschreiber, Oftersheim), Oswald Zenkner (Redakteur, Schwetzingen), Wilhelm Back (Stadtbaumeister, Schwetzingen), Heinrich Fischer (stellvertr. Bürgermeister, Ketsch), Herbert Roth (Präsident HCG Hockenheim), Fritz Nassner (Redakteur, Schwetzingen), Hans Wirnshofer (Verwaltungsoberinspektor, später Bürgermeister, Ketsch), Hans Ochs (Gemeindeoberamtmann, Plankstadt), Werner Weick (Bürgermeister, Plankstadt), Otto Heger (1. Vors. des Vereinskartells Oftersheim), Dr. August Zund (1. Vors. der IG Ketscher Vereine), Rudi Schieschke und Werner Schäfer (1. Vors. der IG Schwetzinger Vereine), Gerhard Stratthaus (Bürgermeister und Oberbürgermeister, Schwetzingen), Fritz Keilbach (stellvertr. Bürgermeister, Ketsch), Andreas Lin (Redakteur, Schwetzingen), Bernd Kappenstein (Oberbürgermeister, Schwetzingen), Heinz Rung (Stadtrat, Schwetzingen), Wolfgang Butz (IG-Schwetzinger Vereine), Dr. René Pöltl (Oberbürgermeister, Schwetzingen)

Technisches zum Kurpfälzer Fastnachtszug
Von Anfang an waren Polizei, Deutsches Rotes Kreuz und der Bauhof der Stadt Schwetzingen in mustergültiger Weise zur Stelle, um durch Absperr-, Sicherheits- und Sanitätsmaßnahmen einen reibungslosen Zugablauf zu gewährleisten.
Für die Ansage und schlagfertige Kommentierung der Kurpfälzer Fastnachtszüge an den "Kleinen Planken" zeichneten bisher der Hockenheimer Franz Bankuti (1975-1993) und SCG-Elferrat Richard Powik (1994 bis heute) verantwortlich. Die dazu notwendige Lautsprecheranlage wurde alljährlich von Manfred Dick, Firma Fernseh- und Radio-Dick, Schwetzingen, bereitgestellt.
Seit 1978 wird vor dem Gebäude der Volkshochschule eine Zuschauertribüne kostenlos aufgebaut, die im Eigentum der Firma Fritz Gieser, Oftersheim, war und 2001 als Schenkung an das Schwetzinger Fastnachtszug-Komitee überging. Eine äußerst noble Geste der Familie Gieser mit Fritz sen., dem ehemaligen, jahrelangen Schwetzinger Kurfürsten, an der Spitze!

Interessantes und Kurioses aus der Anfangszeit
Im ewigen Bemühen (mehr oder weniger erfolgreich) um die Teilnahme der Schwetzinger Vereine am Kurpfälzer Fastnachtszug, ist "Macher" Ludwig Karle, der sehr gerne auf den 10. Umzug im Jahr 1960 hinweist: Damals nahmen sage und schreibe 18 Schwetzinger Vereine und Stammtische mit Wagen und Gruppen teil. Zur Nachahmung wärmstens empfohlen!!!
Großartige Unterstützung erfuhr der Umzug im Jahr 1952 durch den Reiterverein Schwetzingen, der damals mit "Gespannen, Fahrzeugen und einer stattlichen Reiterschar" eine der Attraktionen darstellte.
Ludwig Karle und seinen Mitarbeitern im Fastnachtszug-Komitee obliegt es auch, für die Finanzierung des Zuges zu sorgen und gerade zu stehen. So gehen alljährlich sogenannte "Bettelbriefe" (mit unterstützender Unterschrift von Oberbürgermeister René Pöltl) an Firmen, Institutionen und Privatpersonen. Die Resonanz war bisher (und bleibt hoffentlich auch weiterhin) durchaus positiv, so dass es mit einem alljährlichen, kleinen Zuschuss seitens der Stadt immer wieder gelingt, die Finanzierung des Schwetzinger Fastnachtszuges, im übrigen die größte "friedliche Volksbewegung" in der Stadt, abzusichern.

A propos Zuschuss der Stadt:
Der damalige Bürgermeister Franz Dusberger schreibt der SCG mit Datum vom 18.2.1952 folgendes:
"Der Gemeinderat hat in seiner Sitzung vom 14.2.1952 - Beschluss Nr. 699 - nachfolgende Entscheidung getroffen:
1. Zur Durchführung des Fastnachtszuges wird Ihnen ein Zuschuss von 200,- DM gewährt.
2. Für die Gestaltung eines Wagens (Anm. Elferratswagen) werden Ihnen aus vorhandenen Beständen des Bauhofes die erforderlichen Holzgerüste zur Verfügung gestellt. Es wird nichts dagegen eingewendet, dass der städtische Schreiner Wilhelm Weiss Ihnen beim Aufbau des Wagens behilflich ist."

Am 9.2.1953 schreibt Bürgermeister Dusberger der SCG gar Folgendes:
"Gemäss Beschluss des Gemeinderates vom 5.2.1953 Nr. 660 wird Ihnen zur Durchführung des diesjährigen Umzuges ein Zuschuss von 300,- DM gewährt. Durch das Fehlen entsprechender Haushaltsmittel war es leider nicht möglich, einen höheren Zuschuss zu gewähren."
(Anm.: Dieser damalige Wortlaut kommt einem auch heute ach so bekannt vor!).

A propos Spender:
Zu den großzügigen Spendern zum Gelingen des ersten Umzuges 1951 (und auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten hin bis dato) gehörten außer den oben bereits genannten beiden Schwetzinger Metzgereien damals schon die Bezirkssparkasse Schwetzingen, die Eichbaum-Werger-Brauereien Mannheim und die Welde-Brauerei Hans Hirsch, Schwetzingen mit jeweils 50,- DM, wobei sich die Bezirkssparkasse ausdrücklich und schriftlich auf einen einstimmigen Beschluss des Verwaltungsrates bezog.

Gar vieles wäre noch zu berichten aus Geschichte und Entwicklung des Kurpfälzer Fastnachtszuges, einem der Top-Ereignisse alljährlich in Schwetzingen.

Impressionen aus den ersten 10 Jahren

   
   
 
Schon damals waren die Schwetzinger Straßen proppevoll, als fantasievolle Gruppen, Wagen und Gefährte vorbeizogen. Beeindruckend die Motorradstaffel, die Reiter des Reitervereins Schwetzingen und das Ochsen- bzw. Kuhgespann. Originell der SCG-Prinzenwagen mit Prinz Menne Muckel (1954) und der "Dienstwagen" des Stadtbaumeisters.
Auch Lokalpolitik kam schon damals nicht zu kurz.
 
   
 
Erinnerungen an 1954: Hans Ruffler in einer Kurfürsten-Persiflage, der Elferratswagen der SCG, SCG-Prinz Menne Muckel - im übrigen Spiritus rector und Mitbegründer der SCG.
 
   
 
Ein Blick ins Jahr 1955: Der Musikverein Schwetzingen in voller Aktion, der Elferrat von der SCG mitgegründeten "Narhalla" Plankstadt, die 2 Jahr existierte und Quasi der Vorläufer des heutigen PCC ist; "jetzt kummt Ketsch": der starke Musikverein aus der Enderlegemeinde, die Ketscher "Schlippl" und die Ketscher "Hewwl-Gruppe" wussten zu beeindrucken und für allerbeste Stimmung zu sorgen (li.o nach re.u.).
 
   
 
Der Umzug von 1957: Elferratswagen der SCG, Spielmannszug der TV 64 Schwetzingen, Stadtkapelle Schwetzingen, Reiterverein Schwetzingen, SCG-Prinzenpaar Rolf Bilgram und Karin Tenscher, Marinekameradschaft Hockenheim, Elferratswagen "Narrhalla" Ketsch, Wagen der US-Army Kilbourne Kaserne, SCG-Prinzenwagen (li.o nach re.u.).
 
 
Und noch ein paar Raritäten aus 50 Jahre Kurpfälzer Fastnachtszug: der erste SCG-Hofstaat (1960), Kurfürst Dr. Schare und Haushofmeister August Hardung (1969), Circus Williams nahm teil! (1966), SCG-Gardeoffizier Manfred Groß (1970), Pat und Patachon (Adam Fischer und Hugo Proske um 1970) (li.o nach re.u.).